Von Carsten Wriedt

„Neu?“

Ganz ehrlich: Ich tue mich schwer mit den Ritualen zum neuen Jahr. Was wird denn neu? Wahrscheinlich sind viele Menschen auch am Neujahrsmorgen im Kreise „alter Bekannter“ erwacht: Dieselben gesundheitlichen Probleme, Kriege gehen einfach weiter, das Klima hat in der Silvesternacht mehr denn je zugemutet bekommen, Leid und Trauer kennen keinen freien Tag.

Und doch verlockt der Beginn des Jahres, hinzuhören: Gott spricht „Seht, ich mache alles neu“ (Offenbarung 21,5).

Will ich Neues, muss ich schauen, was für mich das „Alte“ ist. Soll nun Neues einfach dazukommen, soll Altes weg, oder soll Altes bzw. Bestehendes so transformiert werden, dass es weiterhin passt? Welche Veränderungen in der Welt werden mich herausfordern?

Z.B. das Neujahrskonzert aus Wien. Bewährte Tradition, schon äußerlich, trifft auf einen ungeahnten Zauber: Der Dirigent strahlt, seine Liebe zu Musik und Bühne schlägt alle in den Bann. Der Fernsehzuschauer kann erkennen: Ohrschmuck, Ringe an den Fingern, lackierte Fingernägel. Beim unverzichtbaren Radetzkymarsch am Schluss dann das Bad in der Menge: So etwas hat es noch nie gegeben. Einfach neu. Da hatte jemand Mut, ganz zu sich zu stehen und genau damit zu überzeugen.

Unsere Kirche wird sich neu organisieren müssen. Da werden nicht alle Gewohnheiten erfüllbar bleiben. Die Aktiven im Haupt- und Ehrenamt suchen. „Vertraut den neuen Wegen“ haben die Gemeinden schon oft gesungen, ein schwungvolles Lied. „Weil Leben heißt, sich regen“: Also aufbrechen, Stillstand ist ganz schnell Rückschritt. Aber auch hier braucht es das Charisma, dass Menschen sich zutrauen: So bin ich, so leben wir unseren Glauben. Mit der Tradition, mit neuen Ideen, mit noch unbekannten Gesichtern.

Grundhaltung: Ein Tourist darf in einem Kloster bei Mönchen übernachten. Erstaunt über die spartanische Einrichtung ihrer Zellen fragt er einen Bruder: „Wo habt Ihr Eure Möbel?“ Schlagfertig fragt der Mönch zurück: „Ja, wo haben Sie denn ihre?“ „Meine?“ erwidert der Tourist verblüfft. „Ich bin doch nur auf der Durchreise hier!“ „Eben“, antwortet der Mönch, „das sind wir auch.‘

Gott segne Ihre Durchreise, Ihre Freude im Jetzt, Ihr Vertrauen auf das, was mit dem Aufbrechen kommen wird.

in: BKZ vom 10.01.2026