Von Klaus Herberts

Was verbindet den Atheisten Gregor Gysi, den ehemaigen Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde, den angesehenen Soziologen Hartmut Rosa und den Sozialethiker Markus Vogt? Sie sind davon überzeugt: Demokratie braucht Religion.“ Das vertritt Gysi beispielsweise im Vorwort zu Rosas gleichnamigem Büchlein. Nur die Religion sei in der Lage, die Gesellschaft mit Werten zu prägen, so Gysi im Jahr 2022.

Markante Spuren des christlichen Glaubens finden sich auch im Grundgesetz, dessen 75. Geburtstag vergangene Woche begangen wurde: Gleich im ersten Kapitel der Bibel heißt es, dass „der Mensch“ – also jeder Mensch unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Leistungen und Einschränkungen – ein Bild Gottes sei.

So ist jeder Mensch mit Menschenwürde ausgestattet. Der erste Artikel des Grundgesetzes greift das auf: „Die Würde des Menschen (also auch wieder: jedes Menschen) ist unantastbar.“

Die Idee der bedingungslosen Würde eines jeden Menschen ist eine tiefe Begründung für das Gesellschaftsmodell der freiheitlichen, menschenrechtlich verfassten Demokratie.

In der Antike galten die Könige oft als Bilder Gottes oder göttlich. Die Bibel revolutionierte das. Und Propheten im antiken Israel forderten, dass jeder vor den Gesetzen gleich sei, sie einhalten müsse – auch die Herrscher.

Bedauerlicherweise gab es später auch Zeiten, in denen sich die beiden großen Kirchen zu sehr mit den Mächtigen arrangierten. Doch die positive Kraft setzte sich durch: „Heute geht die Sozialethik davon aus, dass die menschenrechtlich verfasste Demokratie diejenige Gesellschaftsordnung darstellt, die dem biblischen Menschenbild und den damit verbundenen Vorstellungen von Gerechtigkeit am ehesten entspricht“, schreibt der Sozialethiker Vogt in einem aktuellen Aufsatz.

Was hat das mit mir“Kleinem“ zu tun? Wenn ich andere ebenfalls als Gottes Geschöpfe wahrnehme, fällt es mir leichter, ihre Andersartigkeit zu ertragen und andere Positionen zu tolerieren. Das ist sowohl demokratische als auch christliche Gesinnung.

in: BKZ vom 01.06.2024