Von Carsten Wriedt

„Gott ist nicht nett“ – so heißt ein Buch von Heiner Wilmer, Bischof in Hildesheim. Im Untertitel wird ergänzt: „Ein Priester auf der Suche nach dem Sinn.“ Der Buchtitel erinnert mich gleich an einen meiner Lieblingspsalmverse: „Da sagte ich mir: Das ist mein Schmerz, dass die Rechte des Höchsten so anders handelt“ (Psalm 77,11). Wer kennt nicht die Erfahrung, dass Gott seinen so unerklärbar eigenen Weg mit uns geht?

Eine der Betrachtungen von Heiner Wilmers widmet sich der Heiligkeit. Sind Sie heilig? Oder wem schreiben Sie sie zu? In der katholischen Kirche kennen wir einerseits viele Heilige, aber: Soll die Heiligkeit immer etwas Unerreichbares haben? Kann man Heiligkeit überhaupt messen?

Das hebräische Wort, an der Stelle, an der wir „heilig“ sagen, lautet „kadosch“ und bedeutet übersetzt „das ganz Andere“. Mit dieser zunächst rein sprachlichen Anregung können wir uns ganz einfach auf Spurensuche begeben: An den Stellen, wo wir „heilig“ sagen, verwenden wir „anders“.

Singen wir zum Beispiel das „Anders“ von Schubert: „Anders ist der Herr.“ Oder das Gebet „Seele Christi, ändere mich“. Heiligung als Veränderung meines Lebens: Ich darf, ich kann … ich soll alles Denken und Handeln dahingehend hinterfragen, ob es nicht auch „anders“ geht.

Da die Begriffe „selig“ und „heilig“ sehr nah beieinander sind, können wir die Anderspreisung Jesu auf uns wirken lassen und stellen fest: Anders sind die Barmherzigen, anders die Friedfertigen … „dass die Rechte des Höchsten so anders handelt“. Der Schmerz des Psalmisten, die Konfrontation mit der Heiligkeit = Andersartigkeit Gottes ist eine tägliche Herausforderung. Und dann ist da der ganz weltliche Wunsch: „Mein Leben – das neue Jahr – soll anders werden.“

Bequemer ist es schon, dass alles bleibt. Angesichts eines Personalwechsels in der Gemeinde flehte mich einst ein Gemeindemitglied mit besorgt aufgerissenen Augen an: „Sorgen Sie dafür, das alles so bleibt, wie es ist.“ Es war für mich erschütternd, diese Not zu erleben. Warum darf es denn nicht „anders“ werden, warum haben in der Kirche so viele Menschen Angst vor einer Veränderung? Natürlich nicht „um jeden Preis“, aber „anders“ ist der Schlüssel zur persönlichen und gemeinschaftlichen Heiligung, die dann zum steten Prozess in der Bereitschaft zur verändernden Entwicklung aufwachsen wird.

aus: BKZ vom 21.01.2023