Von Ulrike Arlt-Herberts

Wieder neigt sich ein Jahr dem Ende zu. Vielleicht halten Sie es am heutigen Altjahrsabend mit dem Schauspieler Matthias Brandt, Sohn des einstigen Bundeskanzlers Willi Brandt, von dem kürzlich in der Zeitung zu lesen war, dass er nicht dazu neige, am Ende des Jahres Bilanz  zu ziehen. Auch habe er vor, an Silvester früh ins Bett zu gehen. Womöglich können Sie aber auch dem von mir seit Kindertagen geschätzten Erich Kästner zustimmen, der in einem Gedicht davon spricht, dass „das alte Jahr (…) keine ausgesprochene Postkarten-Schönheit“ war. Gewiss, das Jahr, das nun zu Ende geht, war ein hochkomplexes und kein lockeres und leichtes, weder im politischen, wirtschaftlichen noch im engeren Umfeld. Wichtig bei all dem Anspruchsvollen, insbesondere in Zeiten des Krieges, scheint mir zu sein, dass wir Menschenkinder die vielen Farben und Formen in unserem Leben sehen, denn jede Art von Reduzierung, Verengung und Einseitigkeit wird dem großen Geschenk, aber auch der großen Aufgabe, die das Leben darstellt, im Letzten nicht gerecht.

Wenn wir am Altjahrsabend heute das vergangene Jahr Revue passieren lassen, dann wünsche ich Ihnen und mir, dass wir zuerst mit Dankbarkeit darauf schauen, was uns alles gelungen ist, was wir hinbekamen und wo wir für mehr Liebe und Menschenfreundlichkeit gesorgt haben. Dann ist es natürlich auch wichtig, das anzuschauen, was misslang, wo wir pfuschten und wo unser Herz engstirnig und kleinkariert war.

In der jüdischen Tradition gibt es zu Beginn eines neuen Jahres einen schönen Brauch, dass man sich in den ersten zehn Tagen mit allen zu versöhnen sucht, mit denen man nicht gut umging, denn die Versöhnungsbereitschaft ist auch für uns Christenmenschen eines unserer Erkennungszeichen. Das wäre also eine schöne Aufgabe fürs neue Jahr.

All das Schöne und das Unerlöste dürfen wir vor Gott, unseren Schöpfer, tragen und ihn bitten, dass wir uns wegen manchen Versagens nicht selbst verurteilen, sondern darauf vertrauen, von Gott voller Liebe angeschaut zu werden, sind wir doch seine Königskinder, die auch im neuen Jahr wieder in Bezug auf unsere eigene Person sagen werden: „Bitte haben Sie Geduld mit mir. Gott hat mich noch in Arbeit.“

Ein gesegnetes neues Jahr voller Vertrauen auf Gott und voller Vertrauen auf die eigene Seelenstärke wünsche ich Ihnen und mir und „masel tov“ („viel Glück“).

aus: BKZ vom 31.12.2022