Von Carsten Wriedt

„Vorweihnachtliche Zeit“: So heißt es (fast) überall, der Begriff Advent hat es schwer. Weihnachtsmärkte, Weihnachtsfeiern, Weihnachtsstimmung: Weihnachten braucht gar nicht mehr zu kommen, es ist wochenlang schon in den Köpfen und den Sinnen. Advent: Ankunft des Herrn. Die zirka vier adventlichen Wochen laden dazu ein, besinnend auf das weihnachtliche Geschehen von einst zuzugehen.
Für einen lieben Besuch bereiten wir viel vor. Wir haben Freude daran, uns bei allen Handgriffen vorzustellen: Das mache ich für meinen Besuch, damit es ihm gut geht. Angelus Silesius ruft uns zu: „Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren und nicht in dir…“ So will Weihnachten jedes Jahr wieder unser ganz persönliches Fest der neugeborenen Liebe Christi in unserem Herzen sein. Für diese „Geburt“ ist es gut, die Stille des Advents, die Dunkelheit der Jahreszeit, das langsame Aufwachsen des Lichts, wie es der Adventskranz vermittelt, als Zugehen auf den großen Tag der Erinnerung und Vergegenwärtigung der Geburt Christi anzunehmen.
Advent: Wiederkunft des Herrn. Die Adventszeit  steht am Beginn eines jeden Kirchenjahres, aber auch am Ende des Glaubenslebens. Christus kommt wieder, er ruft jeden persönlich in sein Reich. Auch dieser Moment braucht unseren Beitrag, unsere Vorbereitung: Es ist nicht allein Jesu Anliegen, uns zu rufen. Meine Botschaft, diesen Ruf zu hören, auf die Stimme Gottes zu reagieren, kann nicht plötzlich und nebenbei geschehen. Paulus mahnt: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe.“ Natürlich ist „nahe“ nicht mit einer konkreten Terminplanung verbunden. Egal wann der Tag ist: Wo möchte ich noch etwas bereinigen, Versöhnung und Frieden schaffen? Wo erlebe ich mich, am Leiden des Nächsten vorbeizusehen? Welchen Sinn hat mein Leben, wenn ich mir vorstelle: „Der Tag ist nahe“?
„Ehrfurcht vor dem Leben“, so lässt sich das ganze Denken des Theologen, Philosophen, Mediziners und Musikers Albert Schweizer zusammenfassen, der weiter formulierte: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ In diesem Satz können sich Menschen jeglichen Glaubens und aller Denkweisen finden, denn ohne die Bereitschaft zum Miteinander werden wir Gott immer daran hindern, „Schwerter zu Pflugscharen umzuschmieden“. „Ehrfurcht vor dem Leben“: der adventliche Weg zum Leben.

aus: BKZ  26.11.2022