Von Klaus Herberts

Auf dem Katholikentag in Münster stieß ich auf einen Workshop mit dem Titel „Beten auf dem Fahrrad“. Überrascht? Möglicherweise denken Sie bei Beten eher an ein ruhiges Eck zuhause oder eine Kirche, vielleicht eine Anhöhe oder die Natur, vielleicht auch den Esstisch oder das Bett – aber ein Fahrrad? Aber warum eigentlich nicht? Beten ist ja nichts für Sonn- und Feiertage ohne Bezug zum Alltag. Im Gegenteil: Das, was mich bewegt, ereignet sich im Alltag. Warum sollte ich mich nicht kurz darüber mit Gott austauschen?

Beten bedeutet, mit Gott Kontakt aufzunehmen. Das geschieht übrigens nicht nur beim Sprechen mit ihm, sondern mindestens ebenso beim (Zu)Hören. „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen“, sagt Jesus laut Matthäusevangelium (Kapitel 6, Vers 7). Es darf also auch ganz kurz sein, vielleicht nur ein kurzer Satz.

Wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin – und das gilt gleichermaßen für Fußgängerinnen und Autofahrer – gibt es vielfältige Anlässe: Ich höre die Vögel zwitschern, freue mich daran und danke dafür (oder bitte für die Schöpfung). Ich fahre an der Wohnung eines Menschen vorbei, der vor besonderen Herausforderungen steht, krank ist oder trauert. Oder ich denke einfach so freundlich an die Person und spreche ein Kurzgebet. Ich sehe einen alten Menschen, der kaum gehen kann … fahre an einem Krankenwagen vorbei … wurde übersehen oder habe etwas übersehen, bin aber mit dem Schrecken davongekommen … höre ein Kind singen … Zum Danken, Bitten, Loben oder Klagen gibt es viele Anlässe.

Natürlich ist das nur eine von vielen möglichen Formen. Und natürlich dürfen Sie den Verkehr nicht aus dem Blick verlieren. Aber beim Gespräch mit Gott auf dem Fahrrad, zu Fuß oder im Auto benutzen Sie ja automatisch eine Freibetanlage.
Wenn Jesus vom Beten in der Kammer spricht, meint er damit, dass wir nicht mit der Menge des Betens angeben sollen, sondern dass es unscheinbar geschehen soll. Unscheinbar aber ist das Beten auf dem Fahrrad zweifellos.
Probieren Sie es doch einmal aus.

aus: BKZ vom 19.09.2020