Von Religionslehrer Josef Klein

Kann ich nicht richtig glauben? Die Frage beschäftigt mich, als ich manche Juden, Christen und Muslime sagen hörte: Sie müssten sich nicht vor Corona schützen. Weil sie an Gott glauben, schütze er sie vor der Ansteckung durch Corona. Auch ich glaube an Gott, aber ich habe die Hygieneschutzmaßnahmen weitgehend eingehalten, getragen von der Hoffnung, nicht angesteckt zu werden. Kann man daran erkennen, dass ich Gott zu wenig vertraue? Ich denke nein. Nur weil ich getan habe, was vernünftig erscheint, ist das kein Beleg für mangelnden Gottesglauben. Denn wer an Gott den Schöpfer der Welt und der Menschen glaubt – und das tun Juden, Christen und Muslime, der erkennt in der Vernunft der Menschen eine Gabe Gottes. Mittels der Vernunft sind wir in der Lage, die Schöpfung mitzugestalten und lebenswert zu erhalten. Dank der Vernunft ermöglichen Forschungsergebnisse z. B. in der Medizin und der Medizintechnik Krankheiten zu heilen. Wir Menschen können also die Erde als bewohnbaren Ort mit einer gerechten Ordnung gestalten.

Andererseits lehrt die Erfahrung, dass wir Menschen nicht verschont werden von Krankheit, Unfällen und Katastrophen. Wenn beispielsweise eine junge Mutter an Krebs erkrankt und stirbt, hat sie dann nicht richtig an Gott geglaubt? Können Krankheit, Unfälle, Katastrophen als Gottes strafendes Eingreifen gedeutet werden? Ich denke nein. In der Erzählung von dem blind Geborenen (Joh 9,2f) macht Jesus deutlich, dass Krankheit keine Strafe für Sünden ist. Außerdem erzählt die Bibel von einen Schöpfergott, der uns Menschen diese Erde übergeben hat. Dieser Gott greift nicht ein, noch veranlasst oder verhindert er Kathastrophen. Aber wir haben, so Jesus (Mt 25,31-46), die Aufgabe einzugreifen, damit Hungrige zu essen bekommen, damit Fremde und Obdachlose aufgenommen werden, damit Kranke besucht werden. Durch unseren Einsatz greift Gott in das Weltgeschehen ein. Aber, so das Versprechen in der Bibel, am Ende der Tage wird Gott eingreifen und eine neue Erde schaffen, in der Gott alle Tänen trocknet. Daran glaube ich.

aus: Backnanger Kreiszeitung