von Pastoralpraktikant Toni Kulic

Ich habe etwas gelernt, was ich eigentlich seit langem weiß. Ich befürchte, ich werde es noch vielmals lernen müssen.

Meine bald zweijährige Tochter hat mir gezeigt, wie man spazieren geht. Es geht dabei nicht nur um 3000 Schritte, die man macht, auch nicht um den Kalorienverbrauch. Es geht um die bewusste Wahrnehmung der äußeren Welt. Ein Steinchen einige Momente beobachten, es berühren, abtasten, dann ins Wasser fallen lassen – das hat Marijeta glücklich gemacht.

Simone Weil, französische Philosophin und Mysikerin des 20. Jahrhunderts, deren Ideen ich während des Studiums kennengelernt habe, hat wieder den Weg in mein Denken gefunden. Ihre Lebensgeschichte hat mich fasziniert. Sie hat ihren gut bezahlten Job als Philosophielehrerin aufgegeben, um die Arbeits- und Lebensbedingungen der Fabrikarbeiter kennenzulernen. Schon als Lehrerin war sie mit den Arbeitslosen solidarisch, indem sie ihnen einen Teil ihres Gehaltes spendete. Ungerechtigkeit im sozialen Kontext hat ihr Leben lang beschäftigt. Und der Kampf gegen Unrecht hat ihre Lebenskraft erschöpft. Mit 35 Jahren ist sie gestorben. Man würde sie heute wahrschenlich als Aktivistin bezeichnen. Ihre Person verweist auf eine weitere wichtige Dimension, die mich in den letzten Tagen zum Nachdenken herausgefordert hat. Nachdem sie viele Jahre als Agostikerin gelebt hatte, erlebte sie in Italien einige mystische Erfahrungen. Diese Erfahrungen haben ihren lebendigen Geist zum Christentum gelenkt. In den letzten Jahren ihres junges Lebens ist die persönliche Beziehung zu Christus für sie immer wichtiger geworden, obwohl sie sich nicht taufen ließ. Simone Weil hat mich daran erinnert, worum es beim Beten geht. Für sie ist das Gebet pure Aufmerksamkeit: Wirklichkeit des Unsichtbares in unserer inneren Welt zu spüren – das macht Gebet aus.

Marijeta und Simone weisen mich auf zwei wichtige Aspekte der Aufmerksamkeit hin. Es ist meine Verantwortung, die innere und äußere Welt aufmerksam wahrzunehmen. Das hat mich beeindruckt. Davor habe ich mich bemüht, mein Schauen möglichst weit zu machen. Für Marijeta und Simone ist es von größter Bedeutung, ganz konzentriert zu schauen. Keinen dieser Aspekte soll man vernachlässigen. Wie man sie im Gleichgewicht hält, muss man immer wieder lernen.

aus: Backnanger Kreiszeitung, 23.05.2020