von Klaus Herberts, Katholische Kirche Backnang

Endlich! Endlich dürfen wieder Gottes­dienste gefeiert werden.(Zumindest sah es bei Redaktionsschluss danach aus, dass Gottesdienste mit strengen Auflagen in der neuen Woche wieder möglich sein werden.) Gerade jetzt erscheinen sie mir wie eine Oase bei einer Wüstendurch­querung. Für mich bedeuten sie Unter­brechungen im Alltag. Aber auch Ferner­stehende konnten es nicht fassen, dass es in diesem Jahr keine Osternachtfeier mit Osterfeuer geben durfte.

Gottesdienste sind für mich keine lästige Pflicht und kein alter Zopf. Für mich bedeuten sie Freiheit, Frei-Zeit: Abschalten, zur Ruhe kommen, Flugzeugmodus. Nur für Gott und die Mitfeiernden erreichbar sein.

Gottesdienst ist Gottes Dienst für mich.

Vor 2000 Jahren gab es eine radikale Wende: Nicht mehr Menschen gingen zu Tempeln und brachten Opfer, um die Götter wohl gesonnen zu stimmen. Nein, Gott kam zu den Menschen, um ihnen zu dienen. Er fordert keine Opfer und Dienste. Er ist ein Gott, der mich, Sie, uns liebt. Mir ist es wichtig, eine Beziehung zu diesem Gott zu pflegen – nicht nur, wenn ich ihn brauche.

Mir tun Gottesdienste gut: wie ein Kurz­urlaub. Die Gründe sind vielfältig und wechseln: schöne Musik; das Singen (tut der Seele gut); die Gemeinschaft, andere Menschen treffen; Gott treffen; die Eucharistie/das Abendmahl; zur Ruhe kommen; Impulse erhalten; der Kirchenraum. Manch­mal ist es nur ein einziges Element, das mir aber etwas gibt. Denn Gottesdienste und Liturgen sind leider ebenso wenig perfekt wie ich. Mir ist es wichtig, dass ich mindestens einen Aspekt in den Tag und die Woche mitnehme: ein Gedanke in der Predigt, ein schönes Gebet, ein Lied, das mich anspricht, meditatives oder fröhliches Orgelspiel, Ruhe, die Ge­meinschaft, ein Lächeln, ein Gespräch danach.

Kirchen – mit und ohne Gottesdienst – sind für mich ein Ort der Achtsamkeit: im Hier und Jetzt sein, Gott hören.

Muslime müssen aktuell auf die Gemein­schaft im Ramadan verzichten. Juden traf das Gottesdienstverbot zum Pessachfest, Christen zu Ostern. Mit vielen anderen freue ich mich auf die Lockerungen. Nutzen Sie die künftige Freiheit. Probieren Sie sie neu aus!

aus: Backnanger Kreiszeitung, 02.05.2020