Von Religionslehrer Josef Klein

Was bleibt von Weihnachten? Die Tannenbäume sind abgeschmückt, liegen am Straßenrand. Viele Krippenfiguren wurden aufgeräumt und lagern irgendwo, bis sie ein Jahr später wieder gebraucht werden. Die meisten der Lichterketten, die im finsteren Dezember leuchteten, bleiben dunkel.

Was bleibt von Weihnachten? In meiner Erinnerung, dass der Bundespräsident in seiner Weihnachtsansprache von uns allen mehr Zivilcourage fordert, wenn Menschen bedroht und in ihrer Würde verletzt werden. Denn sie brauchen dann unsere Hilfe. Das finde ich gut. Aber ich weiß noch, dass ich Angst hatte, als in der S-Bahn ein Mann, deutlich kräftiger als ich, eine junge Frau unflätig anmachte. Ich weiß immer noch nicht, ob Mut, ob Leichtsinn, ob Feigheit in der Situation mein Verhalten bestimmten. Im Anschluss an die Nachricht von der Rede des Bundespräsidenten spielte SWR 1 „I don’t wanna be your hero/Ich will nicht dein Held sein“. Will ich kein Held sein, weil ich es für Leichtsinn halte, mich einzusetzen, oder weil mir der Mut fehlt? Hat mich die Weihnachtsbotschaft der Engel: „Fürchtet euch nicht, euch ist der Heiland geboren“ nicht erreicht?

Von Weihnachten bleiben Fragen, Überlegungen, das Suchen, wie das Weihnachtsgeschenk, Gott wird Mensch, auch in den anderen Monaten des Jahres gelebt werden kann. Wenn uns Antworten gelingen, dann leuchten die Lichterketten aus dem Dezembermonat in jedem Monat weiter. So wie die Frohe Botschaft verkündet: „In ihm (Jesus Christus) war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.“ (Joh 1,4-5).

Der Glaube der Bibel, dass mit Jesus Finsternis vom Licht überstrahlt und Hass von der Liebe besiegt werden, hat Folgen : Bischöfe kritisieren die Rüstungsexporte, Menschen fordern die Aufnahme von Flüchtlingskindern aus überfüllten Lagern in Griechenland. Diese Glaubenszeugnisse werden öffentlich wahrgenommen. Es gibt aber ganz viele Glaubenszeugnisse, die nicht öffentlich bekannt werden. Menschen in der Familie, im Beruf, in der Nachbarschaft, in der S-Bahn helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Menschen arbeiten mit in Vereinen, Parteien, Organisationen; in ihnen wird verhandelt, was den Personen vor Ort gut tun könnte. An all diesen Orten, in diesen Sitzungen und Gesprächen leuchtet das Weihnachtslicht über den Dezember hinaus. Wer bei diesen Aktionen mittut, muss kein Held sein. Denn so, wie die vielen kleinen Lichter die Lichterkette im Advent zum Strahlen bringen, machen viele Menschen in ihrem Tun die Liebe Gottes erfahrbar.

aus: Backanger Kreiszeitung, 11. Januar 2020