Von Josef Klein, Katholischer Religionslehrer, Backnang

Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag, Totensonntag – an diesen Tagen im November gedenken wir der Toten. Dabei denken wir an die Menschen, die uns auf unserem Weg begleitet haben. Wir denken auch an die, die ihr Leben in Kriegen und bei Gewalttaten verloren haben.

Totengedenken im November erscheint passend zu der spätherbstlichen Naturerfahrung – die Ernte ist eingebracht, die Blätter fallen und verwelken, die Natur stirbt, scheinbar, ab. Darin spiegeln sich Erfahrungen mit Sterben und Tod am Ende eines langen Lebens. Das Bild berücksichtigt nicht den Tod von Menschen, die wegen Krankheit, bei Unfällen, in Krieg und durch Gewalttaten mitten aus dem Leben gerissen werden. In beiden Fällen stellt sich die Frage, wie wir den Tod verstehen.

Ist mit dem Tod alles aus und vorbei? In dem Buch „Das Leben als letzte Gelegenheit“ beschreibt Marianne Gronemeyer Verhaltensweisen von Menschen, die in der Überzeugung leben, mit dem Tod ist alles aus. Diese Menschen versuchen in ihrem Leben möglichst viel zu erreichen. Das muss vor allem Glück, Erfolg, Gesundheit für das eigene Leben sein. Schmerzhafte Erfahrungen sollen möglichst vermieden, teils verdrängt werden. Denn das Hier und Jetzt bietet die einzige Gelegenheit zu leben.

Oder gehen Sterbende durch den Tod in ein verwandeltes Leben? Von diesem verwandelten Leben spricht das Neue Testament: Gott wird alle Tränen abwischen; er wird alles neu machen (Offenbarung 21,3-5). Diese Aussagen beziehen sich auf Mose und Jesus, die überzeugt waren, Gott ist ein Gott des Lebens. Denn Gott hat das Leben geschaffen und das Volk aus der Sklaverei befreit. Jesus hat die Ausgegrenzten ins gemeinschaftliche Leben hereingenommen. Ausgehend von diesem Glauben erzählt die Bibel die Vision eines neuen Himmels und einer neuen Erde. Die alte Welt ist gekennzeichnet durch die Macht der Reichen und die Ohnmacht der Armen, durch Willkür und Ausbeutung. Diese Zustände stürzen Menschen in Not, Verzweiflung, Ängste und Trauer – in ein Meer von Tränen.

In der neuen Welt wird Gott all die Tränen abwischen. Das heißt: In der neuen Welt, die von Gott kommt, gibt es keine Bedrohung mehr, kein Recht des Stärkeren; in der neuen Welt gelten die Menschenrechte. Trotz aller Unterschiede nach Nationalität, Hautfarbe, Geschlecht, politischer und religiöser Überzeugung leben alle Menschen in der neuen Welt in Gemeinschaft, weil das allen ein erfülltes Leben ermöglicht. Getragen vom Glauben an diese Vision stehen Menschen in diesem Leben auf und treten ein für die Rechte aller Menschenkinder.

Wenn das so ist, können wir uns beim Totengedenken freuen, dass unsere lieben Verstorbenen gut leben. Und uns als Lebende wird auch eine Zukunft über den Tod hinaus geschenkt.

aus: Backnanger Kreiszeitung vom 9. Nov. 2019