Sollte man statt von der Fülle nicht lieber von Reduktion reden? Gibt es nicht von allem zuviel? Zuviel gegessen, zuviel Arbeit und E-Mails. Und auf der Straße sind sowieso zuviele Autos. Von der Musik mal ganz zu schweigen: immer und überall schallt es, nicht selten ohrenbetäubend.

Der Überfluss scheint heute eher das Problem zu sein, nicht der Mangel. Wieso also jetzt auch noch im Gemeindebrief die Fülle propagieren, wo doch Überfülle herrscht? Wieso soll ich als Musiker in einer überlauten, klangsatten Welt auch noch vom Orgel-Brausen schwärmen. Von der Stille sollte ich wohl besser schreiben.
Aber Überfluss und Fülle sind eben doch nicht das Gleiche. Überfluss lässt sich zählen, messen, beschreibt etwas Quantitatives, ein Zuviel von etwas. Fülle dagegen ist eine Qualität, lässt sich nicht steigern. Es geht vielmehr um das rechte Maß, Fülle beschreibt einen idealen – vielleicht nie erreichten – Zustand, eine Balance. Um bei der Musik zu bleiben: Mehr Töne, mehr Lautstärke führt nicht zur Fülle. Ganz im Gegenteil: sogar Stille kann man als Fülle erleben. Wer John Cages Stille-Stück 4‘33‘‘ gehört hat, weiß, was ich meine.

Überfülle

Wobei… Ich will den Überfluss, das Verschwenderische nicht vorschnell verteufeln. Allein schon wegen Bach. Was mich immer wieder an der Musik von Johann Sebastian Bach fasziniert, ist die Überfülle, der verschwenderische Reichtum an musikalischen Gestalten. Immer passiert mehr, als ich – zumindest beim ersten Hören – verarbeiten kann. Auch nach Jahren entdecke ich selbst in Stücken, die ich schon oft gespielt habe, etwas Neues: eine Nebenstimme, eine unerhörte Harmonie, einen bisher noch nicht entdeckten Zusammenhang zwischen Motiven. Bachs Musik übersteigt ständig mein Fassungsvermögen, und das liebe ich an ihr.

Klangfülle

Und jetzt muss ich doch noch etwas vom Orgel-Brausen schwärmen. Jon Laukvik, mein Orgelprofessor an der Stuttgarter Musikhochschule, meinte nach einem von mir vielleicht etwas zu fortissimo vorgespielten Stück: „Wir sind doch alle Organisten geworden, weil wir mit so wenig Aufwand“ – dabei be- tätigte er eine einzelne Taste, worauf die Orgel losbrauste – „so einen Krach machen können“. Das Rauschende, Überwältigende, Machtvolle ist ganz offenbar eine reizvolle Sache für Organisten. Das „Plenum“ (von lat. Plenus= voll, reich), die „Volle Orgel“, ist für Viele der Inbegriff von Orgelklang. Aber selbst beim Orgel-Plenum geht es nicht um die größtmögliche Lautstärke. Ein Plenum muss nicht nur einfach laut, sondern ausgewogen sein, hohe und tiefe Frequenzen müssen ausbalanciert sein. Etwa so wie beim Plenum der St. Johannes-Orgel. Hier können Sie es hören.

Erfüllte Zeit

Zum Schluss noch der für mich interessanteste Aspekt am Thema „Fülle und Musik“: Sie kennen (hoffentlich) Situationen, in denen Sie völlig die Zeit vergessen, weil Sie ganz und gar in eine Tätigkeit vertieft sind. Die Psychologen nennen das Flow. An spielenden Kindern kann man es am besten beobachten, oder bei Extremsportlern, an versierten Köchen bei der Arbeit, oder eben an Musikern. Um in Flow zu kommen, muss man loslassen, darf keine Angst haben, „es nicht zu schaffen“. Flow ist ein äußerst fragiler Zustand. Man weiß nicht, ob oder wann er sich einstellt. Aber man kann ihm den Boden bereiten, indem man etwas aus dem Effeff beherrscht, egal ob Klettern, Kochen oder Chorsingen.
Mihály Csíkszentmihályi hat das Phänomen 1975 als erster beschrieben. Ihm ist wichtig, dass Flow immer etwas Spielerisches hat. Und lange vor ihm, schon 1795, hat Friedrich Schiller erkannt, welche Bedeutung ein erfülltes Spielen für ein erfülltes Menschsein hat: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. […] Dieser Satz wird, ich verspreche es Ihnen, das ganze Gebäude der ästhetischen Kunst und der noch schwürigern Lebenskunst tragen.“
Spielen, Musikmachen: In den schönsten Momenten ist das mehr als ein netter Zeitvertreib, sondern ein Stück Lebenskunst, erfüllte Zeit und ein kleiner Vorgeschmack der Ewigkeit.

Reiner Schulte

Der Text ist ein Beitrag aus dem aktuellen Gemeindebief zum Thema „Fülle“