„Dich zu sehn, dir nah zu sein“

Bei mir hat es einen Nerv getroffen. Aber nicht nur bei mir. Nach meiner Wahrnehmung trifft dieses Lied den spirituellen Nerv unserer Zeit. Und dieser Nerv heißt „Sehnsucht“, genauer: Gottes-Sehnsucht. Der französische Psychotherapeut Jacques Lacan definiert den Menschen überhaupt allein mit dem Wort Sehnsucht. Dessen Gottes-Sehnsucht sei maßlos, passe nicht in Raum und Zeit, ufere ständig aus. Wer diese Sehnsucht leben will, scheitere. Die Rechnungen blieben immer offen.

„Theologisch gesehen bedeutet das für mich“, sagt Paul Zulehner, „dass wir offenbar mit einem Gott zu tun haben, der genau die Widerspiegelung dieser maßlosen Sehnsucht meines Herzens ist.“

So unkonkret diese Sehnsucht ist, sie ist doch mehr als diffuser Zeitgeist. Sie ist der Urimpuls von allem Beten. Das Brevier weiß das: Im ersten Psalm der ersten Woche der ersten Laudes ist Psalm 63 dran. Er ist wie eine Überschrift über allem Beten der Kirche. Da heißt es: „Gott, mein Gott bist du, dich suche ich, es dürstet nach dir meine Seele.“

Das Brevier weiß von diesem Urimpuls, und das Lied „Da wohnt ein Sehnen tief in uns“ weiß es auch.

Biblische Resonanzräume

Eine ganze Reihe von biblischen Motiven klingen in dem Lied an, aber ohne, dass der Text ins Floskelhafte abdriftet: Die „Frau am Jakobsbrunnen“ (Joh 4) hört man im Refrain heraus: „es ist einen Sehnen, ist ein Durst nach Glück, nach Liebe, wie nur du sie gibst.“ In den Begriffen Gerechtigkeit, Freiheit, Barmherzigkeit, Weisheit, Mut, Trost, Schwachheit, Heilung, Ganzheit kann man eine Anspielung auf die Wesenszüge des heiligen Geistes erkennen, wie sie Jesaja in Hinblick auf den angekündigten Immanuel beschreibt, oder auf die sieben Gaben des Heiligen Geistes. Im englischen Original heißt es „Light in our darkness“ (Str. 4), was an Jesaja 9, 1 denken lässt: „Das Volk, das in Finsternis ging, sah ein helles Licht“. Und der wiederkehrende Schluss der Strophen („Sei da,…“) erinnert an den Gottesnamen „Ich bin der Ich-bin-da.“ (2. Mose 3, 14)

Das Besondere an dem Lied sind aber weniger die vielen biblischen Bezüge als vielmehr die Offenheit, die Anschlussfähigkeit der Anspielungen. Besonders in den Strophen führt der Texte die Singenden in einen offenen Raum, in dem ihre eigenen Erfahrungen mitschwingen können. „In Sorge“, „in Schmerz“, „in Ohnmacht“, „um Heilung“, „um Zukunft“: Nach Beispielen dafür muss keiner der Singenden wohl allzu lange suchen.

Karriere

„Wir haben keine Minute überlegt“. Für Diözesanmusikdirektor Walter Hirt, war bei der Erstellung des Eigenteils zum neuen Gotteslob sofort klar, dass das Lied von Anne Quigley eine seltene Perle ist und unbedingt aufgenommen werden musste.

So neu ist das Lied gar nicht. Anne Quigley hat den englischen Originaltext und die Musik bereits 1973 geschrieben. Anne Quigley ist eine britische Komponistin, die einer Gruppe von Musikern angehört, die sich der Komposition von liturgischer Musik verschrieben haben. Diese „St. Thomas More Group“ war von 1969 bis 1995 an ein Institut für „Pastoral Liturgy“ im Norden Londons angegliedert.

1992 wurde das englische Lied in den USA bei OCP (Oregon Catholic Press) veröffentlicht. Eugen Eckert, Gründer und Leiter der Frankfurter Band HABAKUK, hat den Text 1986 ins Deutsche übertragen.

Weitere Verbreitung hat es über den 32. Evangelischen Kirchentag in Bremen im Jahr 2009 erfahren. Im Evangelischen Gesangbuch (ab 1993) ist es allerdings noch nicht vertreten, weder im Stammteil noch in den Regionalteilen. 2018 hat es aber in das erweiterte Liederbuch der Württembergischen Landeskirche „Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder plus“ Einzug gehalten. Und seit 2015 ist es in 11 von 23 Eigenteilen des neuen Gotteslob vertreten. Erstaunlicherweise in nur elf, würde ich ergänzen.

Klänge

Dass das Lied bei Singenden und Hörern einen Nerv trifft, liegt nicht zuletzt an der Musik.

Als erstes wäre da die Quintfallsequenz zu nennen, aus der die Melodie herauswächst: Dm – Gm – F – B – e° (bzw: Gm)– A – Dm. Das Ganze läuft viermal ab, zweimal im Refrain, zweimal in den Strophen. Damit ist ein musikalischer Ur-Topos berührt, der, verstärkt von der Achttaktigkeit, unmittelbar das Gefühl von Vertrautheit aufkommen lässt. Außerdem hat der harmonische Kreislauf etwas Beruhigendes, dessen Weiter-und-weiter man sich beim Singen gern überlässt.

Der Refrain beginnt auf der gespannten Quinte, und das vorhaltsartige Aufsteigen beim Wort „Sehnsucht“ (Töne a – b über Gm) finden einen adäquaten Ausdruck für den Textinhalt. Auch der dann folgende Abfall der Melodie passt dazu, er führt zu „wie nur du sie gibst“, wo die Sehnsuchts-Spannung sich auflöst.

Schön ist auch das Innehalten der Melodie, das Nachspüren in der Mitte des Refrains bei „dir nah zu sein“.

Die Melodie der Strophen wird vom gleichen harmonischen Quintfall-Gerüst getragen, auch der Einstieg auf der Quinte und das Stehenbleiben in der Mitte („bitten wir“) kehr wieder. Allerdings verstärkt Anne Quigley die Vorhalte. Bei jeder Bitte („um Frieden, um Freiheit“ usw.) entsteht ein Viertelvorhalt von der zweiten Stufe zur Terz, was den sehnsuchtsvollen Charakter der Melodie noch betont. Jede der Bitten beginnt zudem mit einer Pause. Im Barock hätte man von einer supiratio gesprochen, einem Seufzer (suspirare, lat.: „tief aufatmen“, „seufzen“, „ersehnen“).

Zwei Textelemente werden in allen vier Strophe wiederholt: am Ende der ersten Hälfte „bitten wir“, und am Ende der zweiten „Sei da, sei uns nahe, Gott.“ Diese Text- und Melodiewiederholungen und das eingängige Quintfallsequenz-Gerüst sorgen dafür, dass eine Gemeinde das Lied nicht nur sehr bald mitsingen kann, es bleibt ihr beim Singen auch noch Luft, den Text nachklingen zu lassen. Endlich ein Lied, bei dem die Kehle die Seele beim Singen nicht abgehängt!

Zum Schluss

Um Gottes-Sehnsucht geht es in „Da wohnt ein Sehnen tief in uns“. „Homo desiderium dei“ formuliert Augustinus. Man kann diesen Satz zweifach übersetzen: „Der Mensch ist Sehnsucht nach Gott“ (davon spricht das Lied); aber auch „Der Mensch ist die Sehnsucht Gottes.“

Offenbar trifft auch der Mensch bei Gott einen Nerv. Das lässt hoffen. (Reiner Schulte)