„Stille Nacht“ hat einen runden Geburtstag. Vor genau 200 Jahren ist das Lied zum ersten Mal gesungen worden, am Weihnachtsabend des Jahres 1818 in der St. Nikolaus-Kirche in Oberndorf, ein paar Kilometer nördlich von Salzburg.

Im Lauf der Zeit ist das Lied unzählige Male gesungen worden. Stille und Frieden herrschte wohl so gut wie nie, weder zu Weihnachten 1818 noch all die Jahre später unter den heimischen Weihnachtsbäumen. Und trotzdem ist es als würde beim Stille-Nacht-Singen ein Bannkreis des Frieden um die Singenden gezogen.

Weihnachtsfriede an der Westfront, 1914

Weihnachtsfriede an der Westfront, 1914

Eine der eindrücklichsten Geschichten derartigen Geschichten hat sich im Ersten Weltkrieg zugetragen: Von einer stillen Nacht konnten die Soldaten vor 100 Jahren nur träumen. Akustische Realität war vielmehr das Trommelfeuer, ein oft tagelanger, ununterbrochener Granat–-Beschuss. Es sei ein „Krach wie beim Weltuntergang“, ein „Höllenspektakel“, ein „höllisches Konzert“, notierte Ernst Jünger in seinem Tagebuch.

Das Lied schaffte das Unmögliche, es brachte an Heiligabend 1914 den Grabenkampf zwischen Deutschen und Briten in Belgien für einen Tag zum Stillstand. Deutsche hatten angefangen zu

singen, und dann sangen Engländer plötzlich mit. Das führte tags darauf zu einem Waffenstillstand, nachdem ein deutscher Soldat die ‚Weiße Fahne‘ hisste und diese Friedensgeste von einem englischen Soldaten erwidert wurde. Die beiden Soldaten trafen sich in der Mitte des Schlachtfeldes und begrüßten sich per Handschlag. Anderen Soldaten wurden herbeigerufen und Frieden geschlossen – ohne Befehl von oben. Die Versöhnung gipfelte in einem freundschaftlichen Fußballspielund ging unter dem Begriff „Weihnachtsfriede“ in die Geschichtsschreibung ein.

 

Das Choralvorspiel über „Silent Night“ von dem Amerikaner Samuel Barber ist ein raffiniertes Stück. Es kombiniert die fast unveränderte Liedmelodie mit einem 7/8-Takt, was zu interessanten Verschiebungen führt. Das Lied erscheint wie auf unsicherem, wankendem Grund, als ob es um die Zerbrechlichkeit der Stille und des Friedens wüsste.

Hier können Sie das Orgelstück hören.