Am 11.11. findet um 19 Uhr im Backnanger Bürgerhaus ein Chor- und Orchesterkonzert statt. Auf dem Programm Franz Schubert Große Messe in Es-Dur (D 950) und Gustav Mahlers Kindertotenlieder. Ausführende sind Ulrike Maria Maier (Sopren), Anna Haase (Mezzosopran), Roger Gehrig (Tenor), Philipp Nicklaus (Tenor), Simon Stricker (Bass), die Chorgemeinschaft der Katholischen Gesamtkirchengemeinde Backnang, Das Orchester Ensemble musica viva, Stuttgart. Die Leitung hat Reiner Schulte.

Lesen Sie hier die Einführung zu dem Programm:

 

Trost für die Untröstlichen

Mit dem Glaubensbekenntnis hatten sie beide so ihre Schwierigkeiten.

Schubert etwa. Während er fast alle anderen Texte der lateinischen Messe Wort für Wort vertont hat, lässt er im Credo, dem Glaubenbekenntnis, ein paar bemerkenswerte Lücken: „et unam sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam“ zum Beispiel hat er in allen seinen Messen konsequent ausgelassen; die „eine, heilige, katholische Kirche“ wollte er also nicht besingen lassen. Ausgelassen hat er auch „Et expecto resurrectionem“, „ich erwarte die Auferstehung“ (der Toten). Und den „allmächtigen Vater“ hat er auch abgesetzt, statt dessen spielen die Holzbläser in die sprechende Pause.

Und Gustav Mahler, der Komponist der Kindertotenlieder? Über ihn wissen wir Einiges durch seinen Freund Alfred Roller:

Er war tief religiös. Sein Glaube war der eines Kindes. Gott ist die Liebe und die Liebe ist Gott. […]. Ich fragte ihn einst, warum er eigentlich keine Messe schreibe. Er schien betroffen. ‚Glauben Sie, daß ich das vermöchte? Nun, warum nicht? Doch nein. Da kommt das Credo vor.‘ Und er begann das Credo lateinisch herzusagen. ‚Nein, das vermag ich doch nicht‘. Aber nach einer Probe der ‚Achten‘ rief er mir in Erinnerung an dieses Gespräch fröhlich zu: ‚Sehen Sie, das ist meine Messe.‘ Ich habe von Mahler nie ein blasphemisches Wort gehört. Aber ihn verlangte nach keinem Mittler zu Gott. Er sprach mit ihm von Angesicht zu Angesicht. Gott hauste gern in ihm. Wie anders will man die Entrücktheit nennen, in der er schuf!“ i

Jetzt wissen wir immerhin, womit beide ihre Schwierigkeiten hatten. Aber was treibt sie um, wenn sie eine Messe komponieren (Schubert) oder Lieder, die dezidiert auf ein künftiges Leben verweisen, inklusiv verklärtem Dur-Schluss und Glöckchenklängen von der Celesta (Mahler)?

Wir holen sie ein auf jenen Höh´n“

Zuvor aber ein paar Sätze zu Mahlers Kindertotenliedern, einem Zyklus von fünf Liedern für Singstimme und Orchester auf Texte von Friedrich Rückert (1788-1866). Diesen Zyklus in eine Reihe mit Schuberts Winterreise zu stellen, ist sicher nicht vermessen.

Anlass für Rückerts Kindertotenlieder war der Tod seiner beiden Kinder, Ernst und Luise, die um den Jahreswechsel 1833/34 beide an Scharlach gestorben waren. In einer nicht enden wollenden Totenklage hat er 428 Gedichte verfasst.

Bei Gustav Mahler ist ein biographischer Bezug zum Tod eines Kindes nicht unmittelbar herzustellen. Seine Frau Alma Mahler war jedenfalls schockiert, als Mahler im Sommer 1901 sich daran macht, die Kindertotenlieder zu komponieren. Als er sie 1904 fertigstellte, war seine ältere Tochter gerade zwei Jahre alt und spielt munter im Garten und die jüngere eben erst geboren. Rückblickend konstruierte Alma allerdings doch einen Zusammenhang: „Er hat mit den ‚Kindertotenliedern‘ sein Leben ‚anticipando musiziert’“. Im Juli 1907 stirbt tatsächlich seine ältere Tochter Maria Anna an einer Diphterie, mit fünf Jahren.

Dass Kinder sterben, war zur Zeit Mahlers keine Seltenheit. Von seinen 13 Geschwistern starben sechs früh. Besonders der Tod seines Bruders Ernst mit dreizehn Jahren, als Gustav selbst erst fünfzehn war, machte ihm sehr zu schaffen. Zu Rückerts Zeit starb jedes vierte Kind. Und im 19. Jahrhundert entstand eine wahre Flut von Texten zum Thema „Tod eines Kindes“. Im Deutschen Musenalmanach etwa gab es zwischen 1838 und 1839 „Kindertotendichtungen“ von Eichendorff, Barth, Rückert und Hoffmann von Fallersleben.

Bereits Ende des 18 Jahrhunderts hatte sich ein Kindheitsmythos herausgebildet, der Kindsein in eine poetische Daseinsform erhob. Mit der Romantik entstand dann eine neue Gefühlskultur, die den Tod nicht mehr zuerst als gefürchteten eigenen Tod erfahren hat, sondern als Abschied und unwiderrufliche Trennung von den Verstorbenen. Und dieser Abschied wurde kompensiert durch eine gewandelte Jenseitsvorstellung: Das Jenseits wurde zum Ort der Wiedervereinigung mit den Verstorbenen.

Deutlich wird das im vierten der Kindertotenlieder, „Oft denk‘ ich, sie sind nur ausgegangen!“:

Oft denk‘ ich, sie sind nur ausgegangen!
Bald werden sie wieder nach Hause gelangen!
Der Tag ist schön! O sei nicht bang!
Sie machen nur einen weiten Gang!

Ja wohl, sie sind nur ausgegangen
Und werden jetzt nach Hause gelangen!
O, sei nicht bang, der Tag is schön!
Sie machen nur den Gang zu jenen Höh’n!

Sie sind uns nur vorausgegangen
Und werden nicht wieder nach Hause verlangen!
Wir holen sie ein auf jenen Höh’n
Im Sonnenschein! Der Tag is schön auf jenen Höh’n!

Die Zeile „Wir holen sie ein auf jenen Höh’n“ weist den Weg zu dem Naturphilosophen Gustav Theodor Fechner. Der hat um 1850 Bücher geschriebenii, die dem um sich greifenden Materialismus und Technizismus entgegen traten und zu regelrechten Kultbüchern in bestimmten Kreisen wurden. Auch für Gustav Mahler „Die Schriften Fechners waren der entscheidende weltanschauliche Eindruck seiner jungen Jahre.“

Gustav Theodor Fechner entwickelte eine Lehre, wonach sich Leben in mehren Stadien vollziehe:

Der Mensch lebt auf der Erde nicht einmal, sondern dreimal. Seine erste Lebensstufe ist ein steter Schlaf, die zweite eine Abwechselung zwischen Schlaf und Wachen, die dritte ein ewiges Wachen. Auf der ersten Stufe lebt der Mensch einsam im Dunkel; auf der zweiten lebt er gesellig aber gesondert neben und zwischen andern in einem Lichte, das ihm die Oberfläche abspiegelt, auf der dritten verflicht sich sein Leben mit dem von andern Geistern zu einem höhern Leben in dem höchsten Geiste, und schaut er in das Wesen der endlichen Dinge.“

Die Lyrik von Fricrich Rückert ist eine Echo dieser Auffassung: Wenn der Tod in den Kindertotenliedern als „Gang zu jenen Höh´n“ umschrieben wird, so ist das ganz im Sinne von Fechner. Mahler war das bewusst:

Merkwürdig, wie Fechner rückertisch empfindet und schaut; es sind 2 sehr verwandte Menschen und – eine Seite meines Wesens ist der 3. im Bunde.“ (Brief von Gustav Mahler an Alma Mahler von 1903)

Die drei Strophen dieses vierten der Kindertotenlieder (s.o.) kann man auch als Beschreibung eines Trauerprozesses verstehen, in dem die Erinnerung, die Gegenwart der zurückgebliebenen Eltern und die verklärte Vision eines zukünftigen Wiedersehens zu einer Einheit verschmelzen.

Das Licht („im Sonnenschein!“) ist bei Rückert nicht nur eine allgemeine Metapher für Glück und Hoffnung, sondern auch für das ewige Licht in einem irgendwie gearteten Leben nach dem Tod.

Soweit, so unklar.

Auch wenn Schubert, Mahler und wir heute uns mehr Klarheit wünschen würden, ein einfacheres Weltbild vielleicht, wie es voraufklärerische Gesellschaften (vermeintlich) noch besaßen: Ein Zurück zu einem naiven Glauben gibt es nicht. Mit diesem Stachel müssen wir wohl leben. Schubert und Mahler werden uns in diesem Punkt zu Zeitgenossen. Mahlers Verhältnis zum Glaubensbekenntnis „Nun, warum nicht? Doch nein.“ dürfte Vielen bekannt vorkommen und die Ambivalenz in Glaubensdingen beschreiben.

Trost für die Untröstlichen?

Wir sind heute als Zeitgenossen eines selbst im 19. Jahrhundert noch unvorstellbaren Materialismus und Technizismus vielleicht nicht gerade „untröstlich“, aber doch sicher schwerer zu trösten. Aber Trost brauchen wir irgendwann sicher. Die zweifelnde Religiosität von Schubert und Mahler hat hier für uns ein wesentliches Potential. Beide haben religiöse Musik komponiert in Zeiten, in denen Kirchlichkeit zerbröckelte. Sie mussten religiöses Komponieren neu erfinden, um authentisch zu bleiben. Ihre Musik zeigt, dass „die in Sichtweite liegende Identität des religiösen und ästhetischen Impulses in Glaubensdingen weiter trägt, als es jedem für sich möglich wäre.